Junge Generation Graz Blog

Nagls Kampforgan

Tags:
Der Bürgermeister (Siegfried Nagl, ÖVP) hat seit dem Wahlkampf seinen eigenen Psychoanalytiker. Wer ist dieser Mann und warum dreht sich für ihn letztlich alles um den Penis?
DONJA NOORMOFIDI

Er ist in letzter zeit immer wieder aufgetaucht, zum Beispiel, als VP-Bürgermeister Siegfried Nagl das erste Handy-Verbotspickerl in der Straßenbahn aufklebte, oder bei der Präsentation eines Buches, zu dem der Bürgermeister das Vorwort geschrieben hatte. Der unauffällige Mittfünfziger mit Brille und Stoppelfrisiur hatte beide Male die Inhalte geliefert. Sein Name ist Walter Hoffmann, Psychoanalytiker und Gründer des Wiener “Instituts für angewandte Tiefenpsychologie”, das unter anderem Unternehmen bei der Personalauswahl und Werbeauftritten berät. Gemeinsam mit Claudia Babel von cb.promotion managte Hoffmann auch den Wahlkampf des Bürgermeisters - sehr erfolgreich, wie sich am 20. Jänner herausstellte, als die ÖVP erneut stimmenstärkste Partei in Graz wurde. Hoffmanns Aufgabe war es, die von Babel durchgeführten Umfragen zu interpretieren. Bis zu dreimal pro Woche nahm er an den Sitzungen mit Stadträten und Bürgermeister teil, laut Nagl waren “seine Analysen sehr, sehr wichtig und entscheidend” nicht nur für die Entstehung von Schwarz-Grün, sondern “für den gesamten Wahlkampf”. Doch woher kommt Hoffmann so plötzlich, und wie viel Einfluss hat er auf den Bürgermeister?
Die PR-Managerin Babel kennt Hoffmann bereits aus ihren Zeiten beim Liberalen Forum, 1999 begleitete er als Psychologe den Nationalratswahlkampf der Partei. “Wir waren beide für eine Öffnung zum konservativen Lager hin”, erklärt Babel, “doch Heide Schmidt hielt an der Ampel mit Grünen und Roten fest”. Bei den Wahlen erreichte das LIF die Vir-Prozent-Hürde nicht und flog aus dem Nationalrat. Als Babel den Graze-Wahlkampf für Nagl übernahm, war es “mehr als eine Bitte”, Hoffmann mit ins Boot zu holen. Dieser hatte in der Zwischenzeit gemeinsam mit Gerti Senger die Fragen für eine von Dodo Roscic moderierte Kuppelshow namens “Der große Liebestest” erfunden, mehrere Bücher geschrieben und seine eigene Gesundheitsagentur für psychosomatische Therapie in Bad Aussee aufgebaut.
Im Graz-Wahlkampf plädierten Babel und Hoffmann wieder für eine Öffnung, diesmal nach links hin zu den Grünen. Hoffmanns Zweitstimmen-Analyse ergab, dass viele ÖVP-Wähler, hätten sie eine zweite Stimme, Grün wählen würden - und umgekehrt. Nicht zuletzt deshalb kündigte Nagl schon vor der Wahl an, gerne mit den Grünen koalieren zu wollen.
Derjenige, der in Graz Schwarz-Grün gemacht hat, will Hoffmann trotzdem nicht sein. “Der Bürgermeister ist ja kein Hund, dass er auf jemanden hört.” Hoffmann hat sein neuestes Buch mit persönlicher Widmung mitgebracht, er ist sympathisch, lacht zuweilen herzlich und ist bemüht, seine Rolle im Wahlkampf nicht hochzuspielen. Tatsächlich hat Claudia Babel die Werbelinie entworfen, die Nagl binnen weniger Monate vom Hardliner zum Gutbürgermeister stilisierte, doch stets in Rücksprache mit Hoffmann. “Wenn ich Briefe rausgeschickt habe, habe ich sie Walter vorher geschickt - er hat einfach ein Sensorium.” Im Grazer Wahlkampf hat sein Institut das Trendscoutsystem eingeführt, bei dem Funktionäre ständig nach der Stimmung befragt und dazu ermuntert wurden, der Parteizentrale Verfehlungen anderer Funktionäre zu melden. Bespitzeln will Hoffmann das nicht nennen: “Blöde Sager sind nie ausgeschlossen”.
Nagl will auch künftig auf seinen Psychologen nicht verzichten: “Dr. Hoffmann gehört zu meinem Beraterkreis. In der Politik soll man sich mit klugen Köpfen umgeben - nicht mit Idioten.” Bevor der Bürgermeister mit dem Handyverbot an die Öffentlichkeit ging, beriet er sich mit Babel und Hoffmann, der dann eine Studie zum Thema vorlegte. Auch bei der Entwicklung des Wohlfühlhauses werde Hoffmann mit im Team sein. “Zwischen uns passt einfach die Chemie”, schwärmt der Bürgermeister, umgekehrt lobt Hoffmann den Bürgermeister und die “good vibrations” bei den Sitzungen.
Um das Wohlfühlhaus geht es auch in Nagls Vorwort zu Hoffmanns Studie zum Thema Arbeit uns Stress. Es soll ein “Tempel der Stille” werden, wo sich die Grazer gratis entspannen und kostenpflichtig Therapien in Anspruch nehmen können. Auch das Konzept für das Wohlfühlhaus stamme nicht von ihm, bleibt Hoffmann bescheiden, er habe es nur mit Know-how ausgefülllt.
Es gibt allerdings einen Punkt, in dem Hoffmann gar nicht bescheiden ist: Der Penis ist für den Psychoanalytiker, der gerne Freud zitiert, jener Körperteil, auf dem die ganze Gesellschaftsordnung zwischen Mann und Frau fußt. Weil die Frau kein solches “Kampforgan” habe, sei sie dem Mann “biologisch unterlegen”. Frau hat sich schon einmal wohler gefühlt als im Gespräch mit Hoffmann, wenn dieser meint: “Wenn Sie mit einem Mann auf einer einsamen Insel sind und er will etwas von Ihnen, ist es eine Frage der Zeit, bis er Sie vergewaltigt. Umgekehrt können Sie ihn aber nicht vergewaltigen.” Deshalb und weil Frauen auch sonst ihren Willen nie direkt durchsetzen könnten, häten Frauen ein schlechteres Selbstbewusstsein, und deshalb regierten auch Männer die Welt. Immerhin meint Hoffmann, dass es die Aufgabe der Politik sei, diese Ungerechtigkeit auszugleichen.
Ähnliches verbreitet Hoffmann auch in der Studie, zu der Nagl das Vorwort verfasst hat. Der hat kein Problem mit den Ansichten seines Beraters, wie er dem Falter mitteilt. Auch er betrachtet es zwar als Aufgabe der Politik, Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern herzustellen, trotzdem: “Die Ausführungen beziehen sich auf das Faktum, dass das schwächere weibliche Geschlecht, das noch dazu über das aufnehmende Sexualorgan verfügt, auf der biologischen Ebene dem männlichen ausgeliefert ist. Dass der biologische Unterschied auch psychische Konsequenzen hat, erscheint mit naheliegend.” Das hört sich doch ganz nach Hoffmann an.
Quelle: Falter
Dieser Beitrag wurde am Sonntag, 04. Mai 2008 um 19:46 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

« Das geheime Tagebuch der Susanne W. – Announce: JG-Graz Sitzung »

1 Kommentar »

  1. Gut gemacht, weiter so!

    Comment: Gartenbänke – 22. Mai 2009 @ 22:40

Einen Kommentar hinterlassen

 

© admin – Powered by WordPress – Design: Vlad (aka Perun)